|
Baugeschichte und Architektur des Vlothoer Bahnhofes
Von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der Stadt Vlotho waren Verkehr und Handel. Das bleibt in Dr. Grossmanns Stadtgeschichte merkwürdigerweise weitgehend unerwähnt. Ebenso ist in Vlotho in völlige Vergessenheit geraten, dass es sich bei dieser Eisenbahnlinie ursprünglich um ein Projekt Vlothoer Kaufleute handelt.
Manch Vlothoer ist ja der Meinung, dass man die unter Denkmalschutz stehenden vermeintlichen Schandflecke wie den Bahnhof und inzwischen auch die Schöningsche Villa, die übrigens über hundert Jahre alt ist, und jenes kleine unscheinbare Fachwerkhaus gegenüber dem Rathaus besser aus dem Stadtbild entfernen sollte, als etwas für ihren Erhalt zu unternehmen! Dass sich Denkmalschutz lohnt, erleben sie heute in diesem Gebäude, das von einer Zigarrenfabrik zur Vlothoer Kulturfabrik umfunktioniert wurde. Dass und wie wiederum Bahnhof, Villa und Kulturfabrik miteinander verbunden sind, auch das werden Sie später noch erfahren.
Nicht alles kann unter Denkmalschutz gestellt werden, nicht alles, was alt ist, hat Denkmalwert. Alte Bauten erzählen Geschichte. Alte Bahnhöfe erzählen eine besondere Geschichte. Allerdings muss man die Zeichen, die die Gebäude geben, deuten können und dafür benötigt man einige Kenntnisse.
Das Alte beansprucht Raum und der ist in den Städten in der Regel knapp. Da finden sich dann immer gute praktisch-ökonomische Gründe für einen Abriss. Besonders bedroht sind davon angesichts von Streckenstilllegungen und überhaupt im Zeitalter des ungehemmten Individualverkehrs die repräsentativen Zweckbauten des 19. Jahrhunderts: Bahnhöfe, die ihre alte Funktion verloren haben, die aber noch immer Zeugnisse der Industriellen Revolution, ausdrucksstarke Zeugnisse der Industriekultur sind.
Eisenbahnen ermöglichten den Menschen eine bis dahin nicht gekannte Mobilität. Das Empfangsgebäude als der herausragende Teil der Gesamtanlage Bahnhof war für Reisende das Tor zur weiten Welt, wie auch das Tor, durch das man die Stadt betrat. Das Empfangsgebäude trennte die Technik von der städtischen Umgebung, es vermittelte zwischen der Reise und dem Ort. Der Bahnhof: eine Ankerstelle in der Landschaft.
Der Vlothoer Bahnhof ist ein Zeugnis der Industrialisierung der Stadt. Das gesamte Bahnhofsensemble dokumentiert mit den vielen erhaltenen Bestandteilen einen Kleinstadtbahnhof um die Wende zum 20. Jahrhundert. Der Bereich ist unverbaut und bisher unverbaubar erhalten worden. Unter Denkmalschutz stehen u.a. auch: Bahnsteigüberdachung, Fußgängertunnel mit den ursprünglichen lasierten Wandfliesen und jugendstilhaftem Schmiedeeisengitter.
Das Vlothoer Empfangsgebäude kann mit Bad Oeynhausen Süd als einziger im Wesentlichen ursprünglich erhaltener Bahnhof an der gesamten Bahnstrecke gelten. Für das Empfangsgebäude wäre eine Nutzung wünschenswert, die nicht nur das städtebauliche Ensemble des Bahnhofs erhält, sondern auch einen Teil des Gebäudes der Öffentlichkeit zugänglich macht, um auch späteren Generationen ein Empfangsgebäude aus der Frühzeit der Eisenbahnen sinnlich erfahrbar zu machen.
Viele der ersten Empfangsgebäude Norddeutschlands waren bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts von Schinkel und dem Klassizismus der Berliner Schule geprägt. Gegen Ende der 1840er Jahre verband man diese Bauweise mit Elementen des Rundbogenstils. Seit dem Ende der 1850er Jahre setzte sich im Königreich Hannover der Stil der Neugotik durch. Es entstand die sogenannte Neugotik der Hannoverschen Schule mit unverputzter Backsteinfassade als eigenständigem Element der Fassadengestaltung. Daraus entwickelte sich ein spezifischer Baustil für Empfangsgebäude in Norddeutschland, an den sich auch die Architektur des Vlothoer Bahnhofs anlehnt. Zum Vergleich ist auf die Bahnhöfe Bad Oeynhausen-Süd und Bad Salzuflen hinzuweisen, wobei sich besonders Vlotho und Bad Oeynhausen stark ähneln. Beide Gebäude wurden seit ihrer Entstehung nur wenig verändert.
Mittelrisalit mit Akroterion und Seitenflügel kennzeichnen die Gebäude. Die Fassaden werden durch Lisenen, Friese und Gesimse gegliedert. Besonders auffällig sind die Rundbogenfenster. Die Verwendung unverputzter Ziegelfassaden sollte die Reinheit der Konstruktion zeigen, was grundlegend für den hier verwendeten Stil der Neugotik war. Für den Vlothoer Bahnhof muss man wohl von drei Bauphasen ausgehen. 1874/75 wurde zunächst ein kleineres Empfangsgebäude errichtet. Die 1. Gebäudeerweiterung (Seitenflügel rechts) ließ sich anhand der Akten bisher nicht ermitteln. Diese Erweiterung könnte jedoch Ende der 1890er Jahre stattgefunden haben, als die Eisenbahnverwaltung im Vlothoer Streckenabschnitt insgesamt eine rege Bautätigkeit entfaltete. Die letzte Erweiterung (Seitenflügel links, weiterer Anbau rechts) erfolgte in den Jahren 1908/1909.
Die durchgeführten Erweiterungen sind trotz der Verwendung des gleichen Materials und der Weiterführung der Geschoss- und Fensterhöhen sowie der Fensterachsen deutlich vom ursprünglichen Gebäude zu unterscheiden. Hier haben sich Abrisskanten gebildet. Die Anbauten weisen eine stärkere Setzung auf und haben jeweils eine Schiefneigung vom Ursprungsgebäude weg. Ein Umbau der Empfangshalle erfolgte noch in den 1950er Jahren. Von 1988 bis 2007 befand sich das Gebäude in Privatbesitz. Seitdem ist es ungenutzt, was eine freundliche Umschreibung für die Tatsache ist, dass der Bahnhof dem Verfall preisgegeben ist. 2007 übernahm die Stadt Vlotho das Projekt, aber geändert hat sich bis heute (2010) nichts.
Zurück zum Bauentwurf vom Oktober 1874: Das unterkellerte, zweigeschossige Hauptgebäude ist rund 22,5 m lang und 11m breit, wobei der mit einem Akroterion versehene Mittelteil rund 12,5 m breit ist. An der nördlichen Schmalseite befand sich ein Treppenhausanbau. In das Gebäude gelangte man vom Bahnhofsvorplatz zum einen über das Treppenhaus, das das Obergeschoss erschloss und über eine jeweils mittig in der Erdgeschossebene des Mittelrisalites angeordnete Tür, die vom Bahnhofsvorplatz über eine Freitreppe mit 4 Stufen und vom Bahnsteig ebenerdig geführt wurde. Die Gebäudefassaden sind im Wesentlichen symmetrisch aufgeteilt, wobei Längsfassaden eine Fensterachsensymmetrie aufweisen, die unter Einbeziehung des hinter die Fassade zurückspringenden Treppenhauses erreicht wird. Es entsteht so eine Achsenaufteilung von je drei Fenster- bzw. Türachsen in der Erdgeschosszone, sowohl im Bereich der Seitenflügel (im Norden plus Treppenhausanbau, hier Verzicht auf ein Fenster in der Westfassade) als auch im Mittelrisalit. In der Obergeschosszone wurden mit Ausnahme des Mittelrisalites je zwei kleine einflügelige Segmentbogenfenster der Erdgeschosszone verwendet. Getrennt werden die Ebenen durch ein Sohlbankgesims im Obergeschoss. Die Längsfassaden sind zudem senkrecht durch Lisenen gegliedert, die ebenfalls symmetrisch die Fenster trennen (1-2-3-2-1) und die Gebäudekanten begrenzen. Als Quergliederung sind ein vorspringender Gebäudesockel und ein breites Kranzgesims als Traufkante vorgesehen. Letzteres ist beim Akroterion ebenfalls angeordnet. Die Lisenen an den Risaliteken werden zu Türmen über die Fassade geführt. In der Mittelachse ist oberhalb der Traufkante an beiden Längsfassaden eine Bahnhofsuhr angeordnet. Die Bahnhofsuhr zeigte die Eisenbahnzeit an, untrügliches Zeichen dafür, dass man den Ort mit seiner lokalen Zeit verließ und den Eisenbahnraum mit seiner eigenen Zeit betrat. Die nördliche Schmalfassade übernimmt im Bereich des Treppenhausanbaues die Fassadenaufteilung der Längsfassaden mit einer Fensterachse im Erdgeschoss und drei symmetrisch darüber angeordneten kleineren Fenstern. Senkrecht- und Quergliederung werden hier ebenfalls verwendet. Neben der Anordnung der Lisenen an den Hauptgiebelkanten wird das Kranzgesims am Ortgang entlang geführt. Die Fassadenornamentik wird auch an der Südfassade aufgenommen, wobei die sonstige Fassadenaufteilung aus drei Fenster- bzw. Türachsen in der Erdgeschosszone, zwei kleinen, einflügeligen Fenstern oberhalb des Sohlbankgesimses mittig in der Fassade und einem runden Fenster darüber im Giebelbereich besteht. Die Dächer sind im Bereich des Treppenhauses und des Mittelrisalites gewalmt, im Bereich der Seitenflügel als Satteldächer ausgeführt.
Vom Bahnhofsvorplatz betrat man die Empfangshalle über eine Freitreppe. Die Halle ist dort zunächst in einen Querflur in Breite des Mittelrisalites mit 4,4 m Tiefe und einen 6,4 m breiten Wartebereich geteilt. Der Flur war durch Gewölbe in drei Felder geteilt, den Fensterfeldern der Fassade entsprechend. Im mittleren Feld gegenüber der Eingangstür war ein Durchgang zum Wartesaal angeordnet, der in den Wartesaal der 1. und 2. Klasse, einen Warteraum für Damen und ein Büffet aufgeteilt war. Vom Bereich der 1. und 2. Klasse führte die Tür zum Bahnsteig. Im nördlichen Seitenflügel war der Wartesaal für die 3. und 4. Klasse mit separatem Zugang zum Bahnsteig angeordnet. Auch von diesem Wartesaal gab es einen Zugang zum Büffet. Das vorgelagerte Treppenhaus der Nordfassade war nur von außen zu betreten. Der südliche Seitenflügel nahm das Bahnpersonal und die verwaltenden Aufgaben eines Empfangsgebäudes auf. Vom Flur des Vorplatzeinganges kam man in einen Vorraum, der zu einem Billettschalter führte, dahinter lag der Billettverkaufsraum mit einem weiteren Treppenhaus an der südwestlichen Gebäudeecke. Vom Verkaufsraum führte eine Treppe zum östlichen Teil des Seitenflügels, der in ein Stations- Telegraphen-Büro und von dort auch in eine Gepäckausgabe unterteilt war.
Das Obergeschoss nahm eine größere Zahl nicht mit ihrer Funktion gekennzeichnete Räume auf und besaß zusätzlich zu den schon beschriebenen Treppenhäusern mittig über der Halle des Mittelrisalites eine weitere Treppe, die in das Dachgeschoss führte. Im Obergeschoss dürfte sich u.a. die Wohnung des Stationsvorstehers befunden haben. Zum Kellergeschoss, das Gewölbedecken besaß, gibt es keine weitere Durchplanung.
Die baulichen Erweiterungen nahmen die Architektur des Ursprungsgebäudes in Material, Maßstab, Geschosszahl und Fassadengliederung wieder auf, so dass das Gebäude einen in sich geschlossenen, harmonischen Eindruck macht. Lediglich die Gebäudetüren wurden in den 1950er Jahren gegen moderne Türblattformen ausgewechselt. Gravierendere Veränderungen fanden dagegen im Gebäudeinneren statt, so dass die ursprünglichen Raumzusammenhänge nicht mehr ohne weiteres erkennbar bzw. nachzuvollziehen sind. Dabei fanden auch gesellschaftliche Veränderungen ihren baulichen Ausdruck: die Trennung in Wartesäle verschiedener Klassen und für Damen wurde aufgehoben.
|
|
|