Links: In einer Zeichnung von 1950 wurde versucht, die Ansicht des Arnbsterschen Hauses zu rekonstruieren. Zeitzeugen, die das Gebäude noch aus der Zeit vor dem Umbau kannten, gaben dem Zeichner die nötige Unterstützung.

Rechts: 1892 erwarben Franz und Marie Finkhäuser dieses Gebäude, das in den nächsten Jahrzehnten mehrfach umgestaltet wurde und heute dieses Aussehen hat. Foto: 2010.

 

 

 

Fortsetzung:

 

Der Hausbau

An Stelle des Landsbergischen Hauses ließ der damalige Pastor Konrad Feustkings (1673 – 1704) ein neues Haus bauen. Er engagierte hierzu den Meister Helle, der 1684 bereits das Haus Malz in der Langen Straße errichtet hatte. Es erhielt die

 

Lagebezeichnung „Vlotho No. 140“, denn damals wurden die Häuser in der Stadt einfach durch­nummeriert. Ein Straßen- und Hausnummersystem gab es noch nicht.

An einigen Stellen wurde in diesem Haus übrigens altes Baumaterial in „Zweitverwertung“ genutzt, vermutlich aus dem erwähnten Landsbergischen Hof. Es wurden bei Um­bauten zum Beispiel einzelne bemalte Fußbodendielen gesehen, deren Bemalung nicht zueinander

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Foto: 1922

passte. Ebenso findet man an der Westseite einen kurzen Inschriftteil „...Amts Vlotho...“, es scheint sich auch um ein „Gebrauchtteil“ zu handeln.

 

Gestalt des Gebäudes

In einer Zeichnung von 1950 wurde versucht, die Ansicht des Gebäudes zu

 

rekonstruieren. Alte Bilder oder Gemälde liegen leider nicht vor. Auch in den alten

Zeichnungen und Stichen von Vlotho ist dieses Haus nicht zu erkennen, obwohl es für die damaligen Verhältnisse recht große Ausmaße hatte. Und die heute so selbstverständlichen Konstruktionszeichnungen waren um 1700 noch nicht üblich, auch nicht das Archivieren.

Es steht jedoch fest, dass das Gebäude im Erdgeschoss vier Längs-

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Foto: 1950

Räume und vor dem westlichen Teil ein großes Tor zur Durchfahrt bis zum Kirchplatz besaß.  Am Besten wird es in einer Taxierung im Grundbuch von 1803 beschrieben:

 

"Daß Haus No 140 zu Vlotho welges dem bürger und Kaufman fogtt gehört, lieget auf der gutten lahge, und ist ein groß kreftig Haus Es ist von den besten Hausern eins in Vlotho. Es ist Viel gelehgenheit in dem Hause, es sind 2 gewölbte Kellers unter dem Hause, und im Hause sind 5 Stuben, 2 Kammern, 1 Küche, 1 Bohde 2 großer schöner Sahl und daß fach haus ist mit eingang. Oben sind 2 Stuben, 2 Kammern, 1 Rauchkammer und auch ein großer schöner sahl, 3 beschosbohden sind oben ein ander, daß dach und alles was in dem Hause ist das ist alles in gutten stande.

 

 

Das haus habe ich tacksirt zu

Die stallung hinter dem Hause zu

den baumhof bei dem Hause mit den brunnen

den garten bei dem Hause zu

dem bleigeplatz bei dem Hause mit den fischedeich

den garten vor dem hause zu

Summa

4640

60

100

100

100

50

5050

 

 

 

 

 

 

   tlr

Vlotho den 28 Novem 1803 schreuder Zunft Zimmermeister"

 

Die zusammengesetzten Fachwerkhäuser Klosterstraße 5 und Klosterstraße 7 (am Forellenbach) werden in alten Aufzeichnungen nicht getrennt erwähnt. Sie erscheinen unter der gemeinsamen Hausnummer 140. In der Kon­struktion muss zunächst das Haupthaus entstanden sein, da das Gebäude am Forellenbach tragende Ständerwerk hier­von nutzt. Ein historischer Gewölbekeller, wie er im Text beschrieben wird, befindet sich unter diesem angebauten Haus am Forellenbach. Es wird vermutet, dass dieser Keller sogar noch der alten "Von Landsbergischen" Besitzung zuzuordnen ist.

 

Die Inschriften

An der Vorderfront sind mehrere Sprüche aus dem Alten und Neuen Testament zu lesen:

 

DER WANDEL SEY OHN GEITZ UND LASSET EUCH BEGNÜGEN AN DEM DAS DA IST  DENN ER HAT GESAGET ICH WIL DICH NICHT VERLASSEN NOCH VERSAEUMEN:  HEBR XIII V

 

BEFIEHL DEM HERRN DEINE WEGE UND HOFFE AUF IHN  ER WIRDS WOL MACHEN  PSALM XXXVII V

 

BIS HIERHER HAT UNS DER HERR GEHOLFEN  SAM VII VXII

M. HELLE HAT ES GEBAUT

 

Die Bewohner

Das Haus wurde zunächst vom Schwiegersohn des Bauherrn, dem Kirchenprovisor (heute Presbyter) Friedrich Joachim Stallfort bewohnt  Dieser stammte aus Rahden, von wo er zusammen mit seinem Bruder Jakob nach Vlotho gekommen war. Am

 

22.11.1695 hatte er die Tochter Anna Hedewig des Vlothoer Pfarrers geheiratet und lebte bis zum 22.03.1720, seinem 60. Lebensjahr. Dieser Friedrich Joachim Stallfort vererbte das Haus später seinem Sohn, der bis 1740 auch Provisor in der Stadt war.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wohnte der Schiffer Osterloh in dem Hause. Für die Familie Osterloh war es wohl kein sorgloses Leben. Besonders für die Zeit nach dem Tod des Schiffers belegen zahlreiche Hypotheken­briefe, Gerichtssachen und Teilverkäufe das harte Los der Witwe Osterloh. Später gehörte es nacheinander den Kaufleuten Carl Meier, Carl Armbster und Bröker. Seit 1892 ist das Haus im Besitz der Familie Finkhäuser. Schneidermeister Franz Finkhäuser

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Foto: 1978

kaufte es von Carl Armbster und führte dort eine Schneiderei mit mehreren Gesellen. Franz Finkhäuser hatte zuvor ein Haus in der unteren Langen Straße besessen. Als man dort im Juni 1874 gegenüber dem Güterbahnhof Erde zum Auffüllen des Bahndammes abtrug, kam es zu einem Bergrutsch, durch den das Haus des Schneidermeisters zerstört wurde.

 

Neuere Baugeschichte

Zwei große Ereignisse prägten das heutige Erscheinungsbild des Hauses:

Das für damalige Verhältnisse recht große Haus war auf Wiesengrund in der Nähe des Bachlaufes gebaut worden, also auf einem Untergrund, der ein aufwendiges Fundament erfordert. Bei der Berechnung der Statik hatte man diese Notwendigkeit

 

aber vor 300 Jahren nicht so genau gekannt. Der Baugrund gab dem Druck des Hauses allmählich nach. Das langgezogene schwere Dach drückte den Bau an einigen Stellen auseinander, Balken begannen zu reißen und das ganze Haus drohte einzustürzen. 1894 bis 1895 wurde die gesamte Bausubstanz oberhalb der 1. Etage entfernt. Leider verschwand so auch die vorher so stattliche Giebelfront. Der obere Teil wurde durch eine leichtere Etage mit einem Walmdach ersetzt.

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Foto: 2008

Als erster Mieter bezog der Zigarrenfabrikant Niemann die neu entstandene Wohnung.

Am 7. Mai 1931 richtete eine Überschwemmung des Mühlenbaches großen Schaden an. Bei diesem Hochwasser stand das Haus 70cm tief im Wasser. Wahrscheinlich

wurde im Anschluss versäumt, die Holzständer sofort freizulegen und zu trocknen. Dadurch wurde die gesamte Holzsubstanz des Erdgeschosses so stark geschädigt, dass sie in den folgenden Jahrzehnten ersetzt werden musste. Dieses geschah jedoch nicht durch Holz, sondern durch Stahlelemente.

 

100 Jahre Handwerk und Handel

Schon recht früh wird dieses Haus als Waren- und Lager­haus gedient haben. Die meisten Eigentümer wurden als Kaufleute ausgewiesen. Von 1875 bis 1888 befand sich unter anderem die Vlothoer  Privatschule im Erdgeschoss. Das erste Textilgeschäft in diesem Hause eröffnete (als Mieterin) die Schwester des Textilkaufmanns A. Lewkonja aus Minden am 1. Oktober 1895.  

 

 

 

Als diese den Kaufmann Grietmann aus der Langen Straße 95 heiratete, übernahm es zum 6.4.1897 Hermann Timcke.

Die Witwe Timcke übergab das Textilgeschäft zum 2.3.1921 dem Kaufmann Hugo Finkhäuser, der es zunächst mit seiner Schwester Luise betrieb. Dieser heiratete dann am 10.10.22 die Tochter Rosa des

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Hugo

Finkhäuser

* 1886  -  † 1957

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Walter

Finkhäuser

* 1924 - † 2004

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Jürgen

Finkhäuser

 

Werkmeisters Carl Mandler aus Bünde. Es musste viel Geld für die Instandhaltung aufgewandt werden, denn Wasserleitungen und elektrisches Licht wurden installiert. Bis dahin wurde das Geschäft noch mit Gaslampen beleuchtet.

1924 wurde der Sohn Walter geboren. Wirtschaftlich folgten die schwere Zeit der Inflation und später der 2. Weltkrieg. Als dieser 1945 endlich zu Ende ging, kam die Zeit der Wohnungsnot für Flüchtlinge aus dem Osten und Bombengeschädigte aus dem Westen. Zeitweise wohnten in diesem Haus 30 Personen.

1948 tritt Walter Finkhäuser in das Unternehmen ein. Als dritte Generation folgte 1986 Jürgen Finkhäuser, der dieses Geschäft zu einem modernen Textilhaus ausbaute, so wie wir es heute kennen.

 

 

 

 

Heute ist Finkhäuser Außen und Innen ein modernes Textilhaus, das sich in den vergangenen fast hundert Jahren, immer der Zeit angepasst hat. Dabei wurde bei Umbauten stets Wert darauf gelegt, dass das Fachwerk in der Grundstruktur erhalten blieb. Foto: 2010.  Weitere Informationen über die Geschichte Finkhäuser finden Sie hier: