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sich selbst verschaffen
noch von ihren Anverwandten erhalten können."
Einweihung am 4. Juli 1886 -
Erste Bewohnerin Anna Luise Edler
Am 4. Juli 1886 wurde das
Simeonsstift eingeweiht. Der Name des Hauses nahm Bezug auf den
biblischen Simeon, von dem der Evangelist Lukas berichtete. Der
greise Simeon konnte nach der Begegnung mit dem Jesuskind in
Frieden sterben. Im neu eröffneten Simeonsstift in Valdorf
übernahmen Diakonissen aus dem Betheler Mutterhaus Sarepta die
Betreuung der hilfsbedürftigen Menschen.
Sanitätsrat Dr. Karl Hillebrecht aus Vlotho war als Hausarzt für
die medizinische Versorgung der Kranken zuständig. Im
Aufnahmebuch wird als erste Bewohnerin die 70-jährige Witwe Anna
Luise Henriette Edler genannt. Die Valdorfer Armenkasse

Simeonsstift, der Grundstein
wurde1886 gelegt. Foto: 1928
zahlte das Pflegegeld für sie,
das vierteljährlich 50 Pfennige betrug. Insgesamt 13 Menschen
nahm das Simeonsstift im weiteren Verlauf des Jahres 1886 auf.
Fast alle kamen aus der Gemeinde Valdorf, die damals rund 4.000
Einwohner hatte.
1892 erhielt das Simeonsstift die
Anerkennung als milde Stiftung. Superintendent Delius übergab
die bisher ihm gehörenden Grundstücke mit Gebäuden an die neue
Stiftung, die jedoch eng mit der Gemeinde verbunden blieb. Der
Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Valdorf führte den Vorsitz
sowohl im Verwaltungsrat, als auch im geschäftsführenden
Stiftungs-Vorstand, und dem Superintendenten der Diözese Vlotho
wurde ein Aufsichtsrecht eingeräumt.
Im Simeonsstift werden Alte
gepflegt, Kinder betreut und Kranke geheilt
Das Simeonsstift versorgte
durchschnittlich 20 Menschen, die aus ganz unterschiedlichen
Gründen Pflege und Betreuung benötigten. Außer einigen
Waisenkindern waren die meisten in höherem Lebensalter und
entweder verwitwet oder ledig geblieben. Immer wieder nahm das
Simeonsstift auch kranke Menschen auf, denn die medizinische
Behandlung durch einen Arzt war im ausgehenden 19. Jahrhundert
auf dem Land durchaus nicht selbstverständlich.
Die Nachfrage war offenbar so
groß, dass bereits 1893 ein Anbau als Krankenabteilung errichtet
wurde. Nun war insgesamt mehr Raum vorhanden, so dass das
Simeonsstift sowohl bedürftige Menschen von außerhalb aufnehmen
konnte, als auch bei Bedarf Bessergestellte, die sich eine gute
Versorgung leisten konnten.
In den Aufnahmebedingungen hieß
es dazu: „Infolge des Erweiterungsbaues im Jahre 1893 können
Auswärtige in größerer Zahl aufgenommen werden, in einzelnen
Fällen auch als Pensionäre solche Sieche und Kranke, welche
besondere Anforderungen an Wohnung und Pflege stellen und ein
erhöhtes Pflegegeld zahlen". Die Valdorfer hatten jedoch nach
wie vor grundsätzlich Vorrang bei der Belegung und
unterstützungsbedürftige Menschen aus Valdorf wurden
unentgeltlich gepflegt.
Kranke Menschen kamen mit den
verschiedensten Beschwerden und Symptomen in das Simeonsstift.
Dr. Hillebrecht behandelte
Knochenbrüche, Verletzungen und Schusswunden,
Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Diphterie und Rachitis,
Erkrankungen wie Rheuma und Lungenentzündungen. Er führte
Amputationen durch und entfernte Geschwülste. Einige Menschen
erholten sich im Simeonsstift von „allgemeiner Schwäche", zum
Beispiel ein Diakon aus Volmerdingsen, der mehrere Wochen blieb.
An die Krankenabteilung werden
neue Anforderungen gestellt
Das Simeonsstift war also nicht
nur Alten- und Kinderheim, sondern
es hatte auch die Funktionen
eines Krankenhauses und einer Kureinrichtung übernommen. Der
medizinische Bereich war nach 20 Jahren erfolgreicher Arbeit von
aktuellen Entwicklungen im Krankenhauswesen betroffen, die den
Vorstand zunächst vor Probleme stellten. Die Mindener Regierung
forderte das Simeonsstift 1906 auf, die Räume der Kranken
konsequent von den Räumen für Sieche und andere Hilfsbedürftige
zu trennen. Außerdem musste für die Krankenabteilung ein Arzt
mit Leitungsfunktionen vorhanden sein.
Der Vorstand des Simeonsstifts
war mit den neuen Bestimmungen nicht glücklich. Er stellte fest,
das Stift sei in erster Linie Siechenhaus und erst in zweiter
Linie Krankenanstalt. Das Pflegehaus sei ganz mit der Gemeinde
verwachsen und stehe hier im Mittelpunkt der christlichen
Liebestätigkeit. Nun werde das Haus in den Augen der Leute zu
einer Privatklinik des Arztes gemacht. Trotz dieser Bedenken
entschloss man sich, die Krankenabteilung weiterzuführen. Die
Patienten wurden in dem Anbau von 1893 untergebracht, die alten
Menschen und andere Hilfsbedürftige in dem etwas älteren
Pflegehaus.
Der bisherige Anstaltsarzt
Dr.Hillebrecht wurde leitender Anstaltsarzt und blieb
gleichzeitig Hausarzt der Siechenabteilung.
Das Simeonsstift wird ausgebaut
und modernisiert
Das Simeonsstift blieb eine
gefragte Einrichtung und war wohl häufig mehr als ausgelastet.
Ebenfalls 1906 beschloss der Vorstand deshalb einen weiteren
mehrstöckigen Um- und Erweiterungsbau. Außerdem wurden
Wasserleitungen gelegt und eine Zentralheizung installiert.
Bereits zum zweiten Mal innerhalb von 20 Jahren hatte die
Einrichtung sich damit vergrößert und war auch erheblich
modernisiert worden. Das Diakonissenmutterhaus Sarepta bemerkte
die Veränderung und kündigte eine Erhöhung der Schwestern-
Vergütung an. Das Haus habe sich so erweitert, dass es den
Charakter eines Pflegehauses für die Gemeinde Valdorf etwas
verloren habe, und schließlich mit gewissen Einnahmen rechnen
könne. Tatsächlich kamen die meisten Bewohner des Simeonsstifts
nach wie vor aus Valdorf und der unmittelbaren Umgebung und sie
gehörten eher den ländlichen Unterschichten an. Unter den
Patienten von Dr. Hillebrecht waren zum Beispiel Dienstmägde,
Zigarrenarbeiter und Tagelöhner. Es gab jedoch auch Ausnahmen,
die darauf hinweisen, dass das Stift überregional bekannt und
auch für wohlhabendere Menschen aus anderen Regionen attraktiv
war. So verbrachte die Inhaberin einer Modehandlung aus
Elberfeld zwei Jahre im Simeonsstift und ein älterer Fabrikant
aus Wiesbaden die letzten zwölf Jahre seines Lebens.
Moderne Behandlungsmethoden in
ländlicher Umgebung
Die „Multifunktionalität" des
Stifts und die damit verbundenen Besonderheiten blieben ein
Thema. 1915 stellte Sarepta fest, das Pflegehaus Simeonsstift
sei eine Verbindung von Krankenhaus, Pflegehaus und
Waisenanstalt. Das stelle große Anforderungen an die
Leistungsfähigkeit der Schwestern. Die Behandlungsmöglichkeiten,
die das Simeonsstift den Kranken bot, waren auf dem Land damals
noch eher selten. Kranke Menschen wurden in der Regel in der
Familie versorgt und der Besuch eines Arztes war nicht
selbstverständlich. Insofern war das Simeonsstift, in dem es
schon früh ein Operationszimmer gab, eine fortschrittliche
Einrichtung. Das alltägliche Leben im Haus orientierte sich aber
offenbar an den einfachen ländlichen Sitten und Gebräuchen.
Wilhelm von Bodelschwingh, damals Pfarrer im
Diakonissenmutterhaus Sarepta, wandte sich Anfang des 20.
Jahrhunderts mehrfach brieflich an die leitende Schwester
Henriette Schörmann und bat sie, weniger sparsam mit dem Essen
zu sein. Außerdem seien Tischtücher, Teller und Tassen
erwünscht. Ältere Menschen, die sich keine besondere Versorgung
leisten konnten, lebten im Simeonsstift in „möblierten Sälen".
Das Simeonsstift als Alten- und
Pflegeheim
Nach und nach verlor das
Simeonsstift seine Punktion als Krankenhaus. Spätestens nach
1945 wandelte das Simeonsstift sich in ein reines Alten- und
Pflegeheim. Die Wohnungsnot der Nachkriegsjahre und der
Bevölkerungszuwachs durch Flüchtlinge und Vertriebene führten zu
einer starken Belegung des Simeonsstifts. Wiederum kam es zu
einer Erweiterung. Eine benachbarte Gaststätte, die das
Simeonsstift bereits einige Jahre zuvor erworben hatte, wurde so
umgebaut, dass eine Reihe von Altenheimzimmern entstand.
Erweiterung und Modernisierung blieben in der Folgezeitwichtige
Vorhaben.
In der ersten Hälfte der 60er
Jahre entstand ein moderner mehrstöckiger Anbau, der den
ehemaligen Tanzsaal einbezog und auch an einer Stelle mit dem
alten Gebäude verbunden war. Anlässlich der Einweihung schrieb
das Vlothoer Wochenblatt, der Neubau des Simeonsstifts sei ein
„sichtbares Zeichen der sozialen Verantwortung", die Freie
Presse sprach von einem „Wohnparadies für alte Leute".
Der ziegelrote Altbau aus dem 19.
Jahrhundert entsprach dagegen immer weniger den Vorstellungen
von zeitgemäßer Altenarbeit. Für die Bewohnerinnen und Bewohner
boten die einfachen Räume wenig Komfort und für die
Mitarbeitenden erschwerten die räumlichen Voraussetzungen die
Pflege und Betreuung der alten Menschen. Ende der 60er Jahre
stellte die Treuhandstelle der Inneren Mission in Münster fest,
eine Renovierung des Altbaus sei aus medizinischen und
wirtschaftlichen Gründen nicht ratsam. Das Kuratorium des
Simeonsstifts beschloss deshalb, den Altbau abzureißen und an
seiner Stelle „nach modernsten Erkenntnissen" ein neues Alten-
und Pflegeheim zu errichten.
Das neue Simeonsstift im Ev.
Johanneswerk
Es folgte eine längere
Planungsphase, in der vieles überlegt und diskutiert wurde.
Lange verhandelte das Kuratorium unter anderem mit dem Land
Nordrhein-Westfalen und dem Landschaftsverband, bis alle
beteiligten Stellen mit dem Ergebnis der Planungen zufrieden
waren. Anfang 1977 lag endlich die Baugenehmigung vor. Die
Bewohner des alten Simeonsstifts zogen für die Zeit der Bauphase
in das Jugendheim des Kreises Herford an der Ebenöde in Vlotho.
Der Rohbau des neuen Altenheims war schon fortgeschritten, als
das Simeonsstiftsich im Sommer 1979 dem Ev. Johanneswerk
anschloss.
Anfang 1981 konnte der Neubau mit
135 Plätzen eingeweiht werden. In dem Gebäude aus den 60ern, das
nun der „Alt-
bau" geworden war, standen 30
Einzelzimmer zur Verfügung. Im Altenheimbereich des Neubaus gab
es Wohnplätze für 45 Menschen und im Pflegebereich 60 Plätze in
Einzel- und Doppelzimmern. Im Erdgeschoss waren verschiedene
Funktions- und Therapiebereiche entstanden, zum Beispiel Räume
für Massagen und für die Beschäftigungstherapie, ein
Gymnastikraum, ein Bewegungsbad und ein Friseursalon. Damit
entsprach das Simeonsstift in seiner Bauart und Ausstattung den
aktuellen Konzepten der damaligen Zeit, die nun schon 30 Jahre
zurückliegt.
Bärbel Thau Archiv und
Geschichtsschreibung 31.05.2011
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