Eingangsbereich.  Foto: 2010.

 

 

 

 

Stichwort Simeonsstift

Das Simeonsstift ist eine stationäre Altenpflegeeinrichtung in der Trägerschaft des Evangelischen Johanneswerkes e.V. mit seinem Sitz in Bielefeld. Das Evangelische Johanneswerk e.V. unterhält über 30 stationäre Alteneinrichtungen im In - und Ausland, betreibt als einer der größten Träger der Diakonie u.a. Kinder - und Jugendhilfeeinrichtungen sowie stationäre Angebote für behinderte Menschen, hält Kliniken, Schulen und Beratungsstellen vor. Im Simeonsstift leben insgesamt 127 Menschen in 11 unterschiedlich großen Wohngruppen. Als diakonische Einrichtung sehen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren christlichen Auftrag unter anderem darin, den Menschen mit seinen Bedürfnissen und Wünschen wahrzunehmen, mit ihm einen respekt - und würdevollen Umgang zu pflegen, ihm ein angemessenes Wohnumfeld zu schaffen und ihn unterstützend auf seinen Lebensweg zu begleiten. Das Leben in den jeweiligen Wohngruppen richtet sich nach den unterschiedlichen Pflege - und - Betreuungsbedarfen und versucht, den individuellen Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner durch differenzierte Konzepte gerecht zu werden. Bei der Qualifizierung unserer Mitarbeiterschaft erfüllen wir den vom Gesetzgeber geforderten Standard.

Marianne Schläger-Kramer,  (Hausleitung)
Stand: Jan. 2011

 

 

Stichwort Simeonsstift  - Geschichte

Pastor Eberhard Delius gründet das Simeonsstift

Wie so viele diakonische Einrichtungen ist das Simeonsstift auf das Engagement einer evangelischen Kirchengemeinde zurückzuführen. Pastor Eberhard Delius (1835-1897), seit 1868 Gemeindepfarrer in Valdorf und seit 1892 auch Superintendent des Kirchenkreises Herford, setzte sich maßgeblich für die Gründung eines Pflegehauses in Valdorf ein. Er war ein überaus beliebter Seelsorger, der im ländlichen Valdorf von Haus zu Haus ging und die Menschen besuchte. So fand er auch bald in der Gemeinde Mitstreiter, die das Projekt unterstützten.

 

Über viele Jahre sammelte Pastor Delius Spenden und stellte regelmäßig auch einen Teil seines eigenen Einkommens für das geplante Haus zur Verfügung. Rund zehn Jahre dauerte es, bis genug Kapital vorhanden war, und Eberhard Delius ein größeres Grundstück kaufen konnte. 1885 fand die Grundsteinlegung zu dem neuen Pflegehaus statt. Das Gebäude entstand mit

viel ehrenamtlicher Hilfe. In der Grundstein-Urkunde hieß es, alle für den Bau notwendigen Fuhren und Handdienste seien von der Gemeinde unentgeltlich geleistet worden. Der Zweck des Hauses wurde in der Urkunde ebenfalls benannt: „Dasselbe ist bestimmt zur Aufnahme von kranken und schwachen Armen der Kirchengemeinde Valdorf, welche die ihnen nötige Pflege weder

 

Pfarrer Adolf Eberhard Delius

 sich selbst verschaffen noch von ihren Anverwandten erhalten können."

 

Einweihung am 4. Juli 1886 - Erste Bewohnerin Anna Luise Edler

Am 4. Juli 1886 wurde das Simeonsstift eingeweiht. Der Name des Hauses nahm Bezug auf den biblischen Simeon, von dem der Evangelist Lukas berichtete. Der greise Simeon konnte nach der Begegnung mit dem Jesuskind in Frieden sterben. Im neu eröffneten Simeonsstift in Valdorf übernahmen Diakonissen aus dem Betheler Mutterhaus Sarepta die Betreuung der hilfsbedürftigen Menschen.

 

Sanitätsrat Dr. Karl Hillebrecht aus Vlotho war als Hausarzt für die medizinische Versorgung der Kranken zuständig. Im Aufnahmebuch wird als erste Bewohnerin die 70-jährige Witwe Anna Luise Henriette Edler genannt. Die Valdorfer Armenkasse

 

 

Simeonsstift, der Grundstein wurde1886 gelegt. Foto: 1928

 

zahlte das Pflegegeld für sie, das vierteljährlich 50 Pfennige betrug. Insgesamt 13 Menschen nahm das Simeonsstift im weiteren Verlauf des Jahres 1886 auf. Fast alle kamen aus der Gemeinde Valdorf, die damals rund 4.000 Einwohner hatte.

 

1892 erhielt das Simeonsstift die Anerkennung als milde Stiftung. Superintendent Delius übergab die bisher ihm gehörenden Grundstücke mit Gebäuden an die neue Stiftung, die jedoch eng mit der Gemeinde verbunden blieb. Der Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Valdorf führte den Vorsitz sowohl im Verwaltungsrat, als auch im geschäftsführenden Stiftungs-Vorstand, und dem Superintendenten der Diözese Vlotho wurde ein Aufsichtsrecht eingeräumt.

 

Im Simeonsstift werden Alte gepflegt, Kinder betreut und Kranke geheilt

Das Simeonsstift versorgte durchschnittlich 20 Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen Pflege und Betreuung benötigten. Außer einigen Waisenkindern waren die meisten in höherem Lebensalter und entweder verwitwet oder ledig geblieben. Immer wieder nahm das Simeonsstift auch kranke Menschen auf, denn die medizinische Behandlung durch einen Arzt war im ausgehenden 19. Jahrhundert auf dem Land durchaus nicht selbstverständlich.

Die Nachfrage war offenbar so groß, dass bereits 1893 ein Anbau als Krankenabteilung errichtet wurde. Nun war insgesamt mehr Raum vorhanden, so dass das Simeonsstift sowohl bedürftige Menschen von außerhalb aufnehmen konnte, als auch bei Bedarf Bessergestellte, die sich eine gute Versorgung leisten konnten.

 

In den Aufnahmebedingungen hieß es dazu: „Infolge des Erweiterungsbaues im Jahre 1893 können Auswärtige in größerer Zahl aufgenommen werden, in einzelnen Fällen auch als Pensionäre solche Sieche und Kranke, welche besondere Anforderungen an Wohnung und Pflege stellen und ein erhöhtes Pflegegeld zahlen". Die Valdorfer hatten jedoch nach wie vor grundsätzlich Vorrang bei der Belegung und unterstützungsbedürftige Menschen aus Valdorf wurden unentgeltlich gepflegt.

 

Kranke Menschen kamen mit den verschiedensten Beschwerden und Symptomen in das Simeonsstift.

Dr. Hillebrecht behandelte Knochenbrüche, Verletzungen und Schusswunden, Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Diphterie und Rachitis, Erkrankungen wie Rheuma und Lungenentzündungen. Er führte Amputationen durch und entfernte Geschwülste. Einige Menschen erholten sich im Simeonsstift von „allgemeiner Schwäche", zum Beispiel ein Diakon aus Volmerdingsen, der mehrere Wochen blieb.

 

An die Krankenabteilung werden neue Anforderungen gestellt

Das Simeonsstift war also nicht nur Alten- und Kinderheim, sondern

es hatte auch die Funktionen eines Krankenhauses und einer Kureinrichtung übernommen. Der medizinische Bereich war nach 20 Jahren erfolgreicher Arbeit von aktuellen Entwicklungen im Krankenhauswesen betroffen, die den Vorstand zunächst vor Probleme stellten. Die Mindener Regierung forderte das Simeonsstift 1906 auf, die Räume der Kranken konsequent von den Räumen für Sieche und andere Hilfsbedürftige zu trennen. Außerdem musste für die Krankenabteilung ein Arzt mit Leitungsfunktionen vorhanden sein.

Der Vorstand des Simeonsstifts war mit den neuen Bestimmungen nicht glücklich. Er stellte fest, das Stift sei in erster Linie Siechenhaus und erst in zweiter Linie Krankenanstalt. Das Pflegehaus sei ganz mit der Gemeinde verwachsen und stehe hier im Mittelpunkt der christlichen Liebestätigkeit. Nun werde das Haus in den Augen der Leute zu einer Privatklinik des Arztes gemacht. Trotz dieser Bedenken entschloss man sich, die Krankenabteilung weiterzuführen. Die Patienten wurden in dem Anbau von 1893 untergebracht, die alten Menschen und andere Hilfsbedürftige in dem etwas älteren Pflegehaus.

 

Der bisherige Anstaltsarzt Dr.Hillebrecht wurde leitender Anstaltsarzt und blieb gleichzeitig Hausarzt der Siechenabteilung.

 

 

Das Simeonsstift wird ausgebaut und modernisiert

Das Simeonsstift blieb eine gefragte Einrichtung und war wohl häufig mehr als ausgelastet. Ebenfalls 1906 beschloss der Vorstand deshalb einen weiteren mehrstöckigen Um- und Erweiterungsbau. Außerdem wurden Wasserleitungen gelegt und eine Zentralheizung installiert. Bereits zum zweiten Mal innerhalb von 20 Jahren hatte die Einrichtung sich damit vergrößert und war auch erheblich modernisiert worden. Das Diakonissenmutterhaus Sarepta bemerkte die Veränderung und kündigte eine Erhöhung der Schwestern- Vergütung an. Das Haus habe sich so erweitert, dass es den Charakter eines Pflegehauses für die Gemeinde Valdorf etwas verloren habe, und schließlich mit gewissen Einnahmen rechnen könne. Tatsächlich kamen die meisten Bewohner des Simeonsstifts nach wie vor aus Valdorf und der unmittelbaren Umgebung und sie gehörten eher den ländlichen Unterschichten an. Unter den Patienten von Dr. Hillebrecht waren zum Beispiel Dienstmägde, Zigarrenarbeiter und Tagelöhner. Es gab jedoch auch Ausnahmen, die darauf hinweisen, dass das Stift überregional bekannt und auch für wohlhabendere Menschen aus anderen Regionen attraktiv war. So verbrachte die Inhaberin einer Modehandlung aus Elberfeld zwei Jahre im Simeonsstift und ein älterer Fabrikant aus Wiesbaden die letzten zwölf Jahre seines Lebens.

 

Moderne Behandlungsmethoden in ländlicher Umgebung

Die „Multifunktionalität" des Stifts und die damit verbundenen Besonderheiten blieben ein Thema. 1915 stellte Sarepta fest, das Pflegehaus Simeonsstift sei eine Verbindung von Krankenhaus, Pflegehaus und Waisenanstalt. Das stelle große Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Schwestern. Die Behandlungsmöglichkeiten, die das Simeonsstift den Kranken bot, waren auf dem Land damals noch eher selten. Kranke Menschen wurden in der Regel in der Familie versorgt und der Besuch eines Arztes war nicht selbstverständlich. Insofern war das Simeonsstift, in dem es schon früh ein Operationszimmer gab, eine fortschrittliche Einrichtung. Das alltägliche Leben im Haus orientierte sich aber offenbar an den einfachen ländlichen Sitten und Gebräuchen. Wilhelm von Bodelschwingh, damals Pfarrer im Diakonissenmutterhaus Sarepta, wandte sich Anfang des 20. Jahrhunderts mehrfach brieflich an die leitende Schwester Henriette Schörmann und bat sie, weniger sparsam mit dem Essen zu sein. Außerdem seien Tischtücher, Teller und Tassen erwünscht. Ältere Menschen, die sich keine besondere Versorgung leisten konnten, lebten im Simeonsstift in „möblierten Sälen".

 

Das Simeonsstift als Alten- und Pflegeheim

Nach und nach verlor das Simeonsstift seine Punktion als Krankenhaus. Spätestens nach 1945 wandelte das Simeonsstift sich in ein reines Alten- und Pflegeheim. Die Wohnungsnot der Nachkriegsjahre und der Bevölkerungszuwachs durch Flüchtlinge und Vertriebene führten zu einer starken Belegung des Simeonsstifts. Wiederum kam es zu einer Erweiterung. Eine benachbarte Gaststätte, die das Simeonsstift bereits einige Jahre zuvor erworben hatte, wurde so umgebaut, dass eine Reihe von Altenheimzimmern entstand. Erweiterung und Modernisierung blieben in der Folgezeitwichtige Vorhaben.

In der ersten Hälfte der 60er Jahre entstand ein moderner mehrstöckiger Anbau, der den ehemaligen Tanzsaal einbezog und auch an einer Stelle mit dem alten Gebäude verbunden war. Anlässlich der Einweihung schrieb das Vlothoer Wochenblatt, der Neubau des Simeonsstifts sei ein „sichtbares Zeichen der sozialen Verantwortung", die Freie Presse sprach von einem „Wohnparadies für alte Leute".

Der ziegelrote Altbau aus dem 19. Jahrhundert entsprach dagegen immer weniger den Vorstellungen von zeitgemäßer Altenarbeit. Für die Bewohnerinnen und Bewohner boten die einfachen Räume wenig Komfort und für die Mitarbeitenden erschwerten die räumlichen Voraussetzungen die Pflege und Betreuung der alten Menschen. Ende der 60er Jahre stellte die Treuhandstelle der Inneren Mission in Münster fest, eine Renovierung des Altbaus sei aus medizinischen und wirtschaftlichen Gründen nicht ratsam. Das Kuratorium des Simeonsstifts beschloss deshalb, den Altbau abzureißen und an seiner Stelle „nach modernsten Erkenntnissen" ein neues Alten- und Pflegeheim zu errichten.

 

Das neue Simeonsstift im Ev. Johanneswerk

Es folgte eine längere Planungsphase, in der vieles überlegt und diskutiert wurde. Lange verhandelte das Kuratorium unter anderem mit dem Land Nordrhein-Westfalen und dem Landschaftsverband, bis alle beteiligten Stellen mit dem Ergebnis der Planungen zufrieden waren. Anfang 1977 lag endlich die Baugenehmigung vor. Die Bewohner des alten Simeonsstifts zogen für die Zeit der Bauphase in das Jugendheim des Kreises Herford an der Ebenöde in Vlotho. Der Rohbau des neuen Altenheims war schon fortgeschritten, als das Simeonsstiftsich im Sommer 1979 dem Ev. Johanneswerk anschloss.

Anfang 1981 konnte der Neubau mit 135 Plätzen eingeweiht werden. In dem Gebäude aus den 60ern, das nun der „Alt-

bau" geworden war, standen 30 Einzelzimmer zur Verfügung. Im Altenheimbereich des Neubaus gab es Wohnplätze für 45 Menschen und im Pflegebereich 60 Plätze in Einzel- und Doppelzimmern. Im Erdgeschoss waren verschiedene Funktions- und Therapiebereiche entstanden, zum Beispiel Räume für Massagen und für die Beschäftigungstherapie, ein Gymnastikraum, ein Bewegungsbad und ein Friseursalon. Damit entsprach das Simeonsstift in seiner Bauart und Ausstattung den aktuellen Konzepten der damaligen Zeit, die nun schon 30 Jahre zurückliegt.

 

Bärbel Thau Archiv und Geschichtsschreibung 31.05.2011

 

 

Mehr zur Geschichte dieser Einrichtung, finden Sie auf der Seite "Alt Vlotho-Stadtteile/Valdorf"

 

 

 

Foto: 2010.