Dies dürfte das älteste noch existierende Foto vom Haus Lange Straße Nr. 116 sein. Zu diesem Zeitpunkt betrieb Carl Rudolf Schmidt neben der Landwirtschaft auch eine Bäckerei. Noch im selben Jahr wurde die Bäckerei an Georg Sturhann verpachtet. Erwähnenswert ist, dass das Schaufenster hier noch nicht vorhanden ist.  Foto: 1906.

 

 

 

Fortsetzung:

 

Das Weideland für die Kühe der Familie Schmidt befand sich dort, wo die heutige Weidestraße angelegt ist, damals bekannt als „Schmidts Weide". Rudolf und Fritz Schmidt haben die Weide später an den Juden Mendel Grundmann verkauft. Dieser

 

ließ das Gelände

parzellieren und verkaufte die kleinen Grundstücke zu günstigen Bedingungen meist an Tabakarbeiter, die auf diese Weise an ihr kleines Häuschen kamen. Mendel Grundmann wurde später von der Stadt Vlotho für seine sozialen Leistungen geehrt, indem man einer Straße seinen Namen gab.

1922 erwarb der

 

Eine Postansichtskarte des um 1953 eröffneten Café.

Bäckermeister Georg Sturhann den gesamten Komplex und ließ in dieser Zeit die Verkaufsräume seines Backwarengeschäftes neu gestalten. Danach wurde 1925 der alte Kuhstall umgebaut und über den Stallungen im 1. Geschoß eine vollkommen neue Backstube mit neuem Backofen eingebaut und mit dem Haupthaus durch eine Brücke verbunden. Noch vor 1909 wurde das Schaufenster, das sich bis heute am Haus befindet, eingebaut. Als Vlotho in den Jahren 1913-14 an das Kraftwerk Kirchlengern angeschlossen wurde und somit den elektrischen Strom erhielt, wurde auch das Haus Sturhann samt Bäckerei ans Stromnetz angeschlossen, das war am 12. Februar 1914.

 

Wie bei allen alten Vlothoer Fachwerkhäusern ist auch das Haus Sturhann mit reichlichen Inschriften ausgestattet.

 

Die Inschriften am Haus lauten:

Über der Haustür:

 DIRICH VON SULPKE  ANNA MARIA EMILGE  ME FIERI FECIT  ANNO 1651

 DOMUS AMICA  MCPMF  DOMUS OPTIMA 1651

 

Am linken Vorbau:

 AN GOTTES SEGEN IST ALLES GELEGEN

 

An der gesamten Vorderfront:

 HERR WENN ICH NUR DICH HABE FRAGE ICH NICHT NACH HIMMEL UND

 ERDE  WENN MIR GLEICH LEIB UND SEELE VERSCHMACHTET BIST DU MEINES

 HERZENS TROST UND THEIL PS73

 

Die Inschrift MCPMF bedeutet:

Meister Casten Pecher hat mich erbaut.

 

Der lateinische Spruch lautet:

Domus amica - Haus der Freude

Domus optima - Haus des Glücks

 

 

 

 

Zwei Fotos die sich ähneln, aber: Auf dem linken Foto von 1909 ist das Haus noch verputzt während das rechte Foto von 1927 das Haus ohne Putz zeigt.

 

 

 

Stichwort Georg Carl Heinrich Sturhann

Georg Carl Heinrich Sturhann, geb. 1884, erlernte gegen den Willen seines Vaters das Bäckerhandwerk. Ursprünglich sollte er, wie andere Familienmitglieder auch, das Zigarrenmacherhandwerk erlernen. Seine Ausbildung absolvierte er beim Bäckermeister Teipel, der die im Hause Vlotho Nr. 157 ( heute Lange Straße Nr. 116) befindliche Bäckerei des Besitzers Carl Rudolf Schmidt gepachtet hatte.

 

 

Nach Abschluss der Lehrzeit, die von 1898 - 1901 dauerte, zog es Georg Sturhann nach Bielefeld, wo er in der Bäcker- und Konditorei des Bäckermeisters Eduard Müller als Geselle tätig war. Weitere Gesellenjahre schlossen sich an. Von 1903 - 1904 in der Bäckerei Hoffmeister und von 1904 - 1906 in der Bäckerei Goldstein, alle in Bielefeld.

Inzwischen hatte sich Bäckermeister

 

Georg Sturhann

*1884 - † 1962

 

Joachim Sturhann

*1921 - † 1982

Teipel an der Herforder Straße selbständig gemacht. In dem neu erbauten Haus befanden sich neben der Bäckerei auch ausreichende Wohnräumlichkeiten, die ihm die Wohnung im Schmidt'sehen Hause nicht geben konnte.

Da bemühte sich die Familie Schmidt, Georg Sturhann wieder nach Vlotho zu holen, um die nun frei gewordene Bäckerei zu übernehmen. Er war ja noch sehr jung, aber

 

man erzählte damals; „Sie mochten ihn so gerne leiden". 1906 eröffnete Georg Carl Heinrich Sturhann sein eigenes Geschäft und übersiedelte mit Eltern und Schwester in das Haus Lange Straße 116.

Am 28.9.1911 legte er vor der Handwerkskammer in Bielefeld die Meisterprüfung ab. Der Meisterbrief und das Zeugnis der Meisterprüfung vom 27.1.1912, sowie verschiedene Fotos vom Haus aus den Jahren 1906, 1909, 1921, 1927 sind noch vorhanden.

Georg Sturhann der inzwischen das Rentenalter erreicht hatte,

Logo der

Bäcker-Zunft

 

übergab 1955 den Betrieb an seinen Sohn Joachim.

Der Besitz „Lange Straße Nr. 116“ wurde 1991 an den Konditormeister in dritter Generation Stephan Leunig verkauft, dessen Großvater Erich Leunig ab 1929 für einige Jahre das bekannte „Café Sonntag“ an der Langen Straße Nr. 52 betrieb.

Georg Sturhann starb 1962 im Alter von 78 Jahren.

 

Der Text und die Bilder wurden weitgehend der Familienchronik Sturhann / Beißner entnommen.

 

 

 

 

Zwei Fotos die sich gleichen. Links das Café Sturhann um 1960 und rechts das Markt- Café vom Stephan Leunig 2009.